Der Schritt zur Ersten Hilfe…

…wird ausnahmslos durch unsere Gedanken erschwert, fordert Überwindung, denn die Bereitschaft zu helfen wird zunächst dadurch blockiert, dass man sich nicht im Stande sieht körperliche Leiden zu beenden oder zu heilen, die Angst etwas falsch zu machen, die Situation zu verschlimmern oder sich vor den Augen fremder Personen zu blamieren.

 

Doch der Ersthelfer ist nicht in der Pflicht Leiden abrupt zu beenden oder gar zu heilen. Er soll dafür sorgen, dass sich die Situation nicht verschlechtert, indem er beispielsweise einen Unfallort absichert, Art und Umfang des Schadens feststellt, den Notruf tätigt, Wunden versorgt und das Unfallopfer betreut bis professionelle Hilfe eintrifft – oder eine diese Aufgaben übernimmt und andere Menschen zur Mithilfe auffordert.

Erste Hilfe basiert nicht auf medizinischen Fachkenntnissen, sondern auf ein paar Handgriffen und die Kenntnis darüber weshalb man sie anwendet.

 

Alles beginnt damit, dass wir unsere Phantasie zügeln, Bewusstlosigkeit nicht sofort mit dem Tod in Verbindung bringen und in einem verunglückten Fahrzeug, wie immer sich die Karosserie äußerlich darstellt, nicht Unmengen Blut oder völlig entstellte Menschen vermuten. Ohne uns ein Bild von der Wirklichkeit zu verschaffen läuft in unseren Köpfen ein Horrorszenario ab und vermittelt uns genau das, was wir Ersthelfer verhindern sollen, das Schlimmste.

 

Selbstverständlich machen wir uns in den Augenblicken, in denen wir uns zwischen hingehen und davonfahren entscheiden, auch Gedanken darüber wie wir helfen könnten, doch wir tun dies innerhalb der von uns erdachten Szenerie. Sobald wir aber Hilfe in einer Tragödie leisten wollen, die nur in unseren Köpfen existiert, hat das Opfer schon verloren, da uns unsere eigene Phantasie blockiert.

 

Dem Helfer wird ein „angemessenes Handeln“ abverlangt, ein Juristendeutsch das niemand schrecken muss, wobei es sich von selbst versteht, nur Handlungen vorzunehmen, die ein Opfer nicht zusätzlich schädigen.

Es ist in der deutschen Rechtsprechung kein Fall bekannt, in dem ein aktiver Ersthelfer für seine Handlungen verurteilt wurde. Eine Anklage wegen „falscher“ Hilfeleistung wird regelrecht zur Farce, wenn Sie den Notruf (112) bereits getätigt haben bevor Sie sich dem Opfer widmen. Der Notruf soll vor oder zeitgleich zur Hilfe an einer Person erfolgen, da Sie dadurch dem oder den Betroffenen und auch dem Umfeld signalisieren: Ich habe kein Fachwissen, aber Hilfe organisiert.

Mit dem Notruf bekunden Sie Ihre Unwissenheit und übergeben die Verantwortung in diesem Augenblick den Profis, auch wenn diese noch einige Minuten brauchen werden, den Unfallort zu erreichen. Betrachten Sie den Notruf als Auslöser für alles was zu erfolgen hat, um einen oder mehrere Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren.

 

Selbstverständlich gilt es Regeln einzuhalten, Verständnis für Abläufe in unserem Körper aufzubringen. Darunter sind jedoch Kenntnisse, die wir von Natur aus besitzen, diese nur ausgerechnet in jenem Augenblick ausblenden, wenn es darum geht, unser Verständnis für den menschlichen Körper auf eine fremde Person zu übertragen; wenn wir plötzlich Angst haben unser Wissen an fremden Menschen anzuwenden.

Wir selbst sind das Maß jener Dinge, die wir an einem Opfer vornehmen. Gerade in der Ersten Hilfe haben wir oft die richtigen Gedanken, sehen uns vor lauter Aufregung aber nicht im Stande diese in die Tat umzusetzen.

 

Angst vor der Ersten Hilfe geht immer einher mit unserer Angst vor dem Versagen, eine Furcht, die wir im Falle der Ersten Hilfe mit mangelnder medizinischer Kenntnis entschuldigen um unser eigenes Gewissen zu beruhigen.

Niemand verlangt von Ihnen alles allein zu bewerkstelligen, im Gegenteil: Andere Menschen direkt und durch persönliche Ansprache zur Mithilfe auffordern, gezielte Anweisungen geben und Aufgaben verteilen sind nicht nur sehr sinnvolle, sondern, und dies ist erwiesen, überaus effektive Maßnahmen.

Die meisten Menschen wollen helfen, benötigen jedoch diesen Anstoß, brauchen jemand der sie zum Handeln auffordert und ihnen sagt was sie tun sollen.

In der Ersten Hilfe gilt die „Weisheit“: Die beste Ersthelferin, der beste Ersthelfer ist - wer den Überblick behält.

 

Wir erlebten, dass jemand einen Notruf tätigte, vorher noch Zeit aufbrachte die Rufnummer des Mobilfunktelefons zu unterdrücken um anschließend den Ort des Geschehens gleich wieder zu verlassen – das Opfer sich selbst überließ. Wir fanden perfekt abgesicherte Unfallorte vor, doch ganze Personengruppen standen vom Unfallort weit entfernt, niemand hatte es gewagt sich den Verletzten zu nähern.

 

Mehrmals kräftig durchatmen, das Opfer als Menschen erkennen, darüber im Klaren werden, dass sich hier ein Mensch in einer gefährlichen Ausnahmesituation befindet und nun auf fremde, auf Ihre Hilfe angewiesen ist. Noch unschlüssig? Verwenden Sie Ihre Phantasie um sich für einen kurzen Augenblick in die Lage des Opfers zu versetzen, nehmen Sie einmal gedanklich dessen Platz ein.

 

Bitte wagen Sie diesen couragierten ersten Schritt - die Anderen werden Ihnen folgen.